M254 · Geschäftsprozesse · Teil 2

Organisationslehre &
Geschäftsprozesse

Lernzusammenfassung – aufgebaut entlang der Lernziele. Drin steht, was du können musst, und nichts darüber hinaus.

Lernziel – das musst du können Selber zeichnen / aufstellen Merke Typisches Kernproblem
A

Aufbau-Organisation

A1 Was die Aufbau-Organisation regelt

Lernziel: Du weisst, was die Aufbau-Organisation regelt bzw. aufzeigen will.

Die Aufbau-Organisation zeigt den Aufbau / die Struktur einer Unternehmung. Sie regelt:

Darstellungsform: das Organigramm.

Merke Die Aufbau-Organisation beantwortet das «Was» (welche Aufgaben, wer wem unterstellt) – nicht das «Wie».

A2 Organigramm lesen: Linie, Stab, Kontrollspanne

Lernziel: Du erkennst aufgrund eines Organigramms die Firmenstruktur.

Die wichtigsten Begriffe

Geschäftsleitung Sekretariat GL (Stabsstelle) Einkauf Verkauf Verwaltung Filiale A Filiale B Linienstelle (Rechteck) Verbindungslinie = Dienstweg Kontrollspanne der GL = 3
Stab-Linien-Organisation: Linienstellen (Rechtecke) hängen am Dienstweg, die Stabsstelle (gestricheltes Oval) berät seitlich – ohne Weisungsbefugnis.

Reine Linie vs. Stab-Linie

Die Organisationspyramide (Rang ↔ Tätigkeit)

Je mehr eine Stelle plant, entscheidet, anordnet, führt und kontrolliert, desto höher ihr Rang. Je mehr sie nur ausführt (Routine), desto tiefer.

A3 Organigramme erstellen & Gliederungs-Gesichtspunkte

Lernziel: Du kannst verschiedene Organigramme betriebsspezifisch erstellen.
Selber zeichnen – so baust du ein Organigramm
  1. Oberste Stelle (GL / Direktion) zuoberst.
  2. Stellen von oben nach unten mit Linien verbinden (= Dienstweg).
  3. Gleichrangige Stellen auf gleiche Höhe.
  4. Stabsstellen als Oval seitlich an die Linie (keine Linienführung nach unten).
  5. Nach einem klaren Gesichtspunkt gliedern (siehe unten).

Nach welchem Gesichtspunkt gliedern?

nach Tätigkeit / Funktion

Einkauf, Produktion, Verkauf, FRW, Verwaltung, Entwicklung …

nach Produktgruppen

z.B. Tennis, Fussball, Wintersport, Fahrrad …

geografisch / nach Märkten

Kontinente, Länder, Kantone, Städte

nach Kundengruppen

Detailhandel/Grosskunden; Private/Retail/Geschäftskunden

Merke – Matrixorganisation

Werden zwei Gesichtspunkte kombiniert (z.B. Funktion × Produkt), entsteht eine Matrixorganisation.

Vorteile: nutzt Spezialisten-Kenntnisse, effizient in der Zielerreichung.
Nachteile: unklare Unterstellungsverhältnisse, Koordinations-/Konfliktprobleme, kostenintensiv, hoher Informationsbedarf.

Breiten- vs. Tiefengliederung

Breitengliederung (flach)

Grosse Kontrollspanne, wenige Stufen.

  • + straffe, einheitliche Führung
  • + kurze Informations- und Anordnungswege
  • + weniger Zwischenstufen → weniger Informationsverlust
  • − Gefahr der Überlastung des Vorgesetzten
Tiefengliederung (steil)

Kleine Kontrollspanne, viele Stufen.

  • + mehr Zeit / bessere Führung der Unterstellten
  • + mehr Aufstiegsmöglichkeiten
  • − Tendenz zu Unübersichtlichkeit
  • − Aufblähung des Verwaltungsapparates
  • − längere Informations-/Anordnungswege

A4 Was die Aufbau-Organisation NICHT zeigt

Lernziel: Du weisst, was die Aufbau-Organisation nicht zeigt – im Gegensatz zur Ablauf-Organisation.

Ein Organigramm hat blinde Flecken. Es zeigt nicht:

Merke Genau diese Lücken füllt die Ablauf-Organisation (Teil B): Sie zeigt den Arbeitsfluss, die Reihenfolge und die Wertschöpfung.
B

Ablauf-Organisation & Geschäftsprozesse

B1 Definition Ablauf-Organisation

Lernziel: Du kennst die Definition der Ablauf-Organisation.

Die Ablauf-Organisation bestimmt die Reihenfolge der Tätigkeiten (Arbeitsschritte) – also das «Wie».

B2 Unterschied Aufbau ↔ Ablauf

Lernziel: Du kennst den Unterschied zwischen Aufbau- und Ablauf-Organisation.
Die zentrale Gegenüberstellung – das Prüfungsthema schlechthin
MerkmalAufbau-OrganisationAblauf-Organisation
FrageWas? Welche Aufgaben, wer wem unterstelltWie? In welcher Reihenfolge
InhaltStruktur, Hierarchie, AufgabenverteilungReihenfolge der Tätigkeiten / Arbeitsschritte
DarstellungOrganigrammFlussdiagramm, Prozesse, Balkendiagramm, CPM
Sichtstatisch (Momentaufnahme der Struktur)dynamisch (Ablauf über die Zeit)
Regeltwer macht was, wer ist wem unterstelltzeitlich, räumlich, funktional
Zielklare Verantwortlichkeitenkurze Durchlaufzeiten, hohe Kapazitätsauslastung

B3 Gründe für Prozessveränderungen

Lernziel: Du kannst Gründe nennen, weshalb Prozesse geändert werden müssen.
Merke Beim radikalen Ansatz Business (Process) Reengineering fragt man: Wie würden die Prozesse aussehen, wenn man – auf dem heutigen Wissensstand – komplett neu anfinge, ohne Rücksicht auf bestehende Strukturen?

B4 Prozesse & Leistungsketten aufstellen

Lernziel: Du kannst einfache Prozesse und Leistungsketten aufstellen.

Eine Leistungskette reiht alle Tätigkeiten, die für die Leistungserstellung nötig sind, hintereinander auf – von der Marktanalyse bis zum Absatz. Jeder Leistungserbringer deckt eine Teilaufgabe ab.

Marktanalyse Produktentwurf Produktentwicklung Beschaffung Materiallagerung Herstellung Produktlagerung Werbung Absatz

Drei Begriffe sauber abgrenzen

Selber aufstellen – Vorgehen
  1. Alle nötigen Tätigkeiten auflisten.
  2. In eine sinnvolle Reihenfolge bringen.
  3. Als Kette / Flussdiagramm darstellen (Kästchen + Pfeile).
  4. Jeder Teilaufgabe den Leistungserbringer (wer macht es?) zuordnen.

B5 Definition Prozess & Prozess-Orientierung

Lernziel: Du kennst die Definition von «Prozess» und «Prozess-Orientierung».

Prozess

Ein Prozess ist eine Folge von Aktivitäten oder Aktionen. Ein Geschäftsprozess soll dabei:

Prozess-Orientierung

Eine Grundhaltung, bei der das gesamte betriebliche Handeln als Kombination von Geschäftsprozessen betrachtet wird.

Ziel: Steigerung der Qualität und der Produktivität.

B6 Fallbeispiele: Kernproblem & Lösung

Lernziel: Du erkennst bei einfachen IST-Prozessen das Kernproblem und bietest Lösungsansätze an.

Das Vorgehen (4 Schritte)

  1. IST-Prozess aufnehmen – geeignete Visualisierung wählen (z.B. Flussdiagramm).
  2. Kern-Problem herauskristallisieren.
  3. SOLL-Prozess vorschlagen (Visualisierung).
  4. Verbesserungs- / Effizienzpotenziale benennen.
Typische Kernprobleme – diese Muster sollst du wiedererkennen
  • Medienbruch (Papier ↔ E-Mail ↔ Telefon ↔ System) → durchgängige digitale Lösung / Workflow.
  • Fehlende Systemintegration / inkompatible Systeme, fehlende Zugriffsrechte → gemeinsames System (ERP) / Schnittstelle.
  • Doppelerfassung / Redundanz → Daten einmal erfassen und weiterverwenden.
  • Fehlende Systematik in der Reihenfolge (z.B. unsortiertes Kommissionieren) → nach Route / Einbaureihenfolge bestücken.
  • Lange Wartezeiten / Engpässe → Anmelde-/Zeitfenster, Schritte parallelisieren.
  • Unnötige Wege / Transporte → Layout und Reihenfolge optimieren.
  • Zu viele Genehmigungs-/Kontrollschleifen → Schritte reduzieren, Kompetenzen klären.
  • Bauliche / infrastrukturelle Mängel (z.B. Rampe zu hoch) → Infrastruktur anpassen.
Mini-Beispiel (Waren-Annahme)

IST: Lager und Einkauf nutzen zwei inkompatible Systeme; das Lager hat keine Zugriffsrechte auf das Bestellsystem → Lieferdaten müssen doppelt erfasst werden.

Kernproblem: fehlende Systemintegration (Medienbruch + Doppelerfassung).

Lösung: ein gemeinsames ERP-System bzw. eine Schnittstelle samt passenden Zugriffsrechten → keine Doppelerfassung, weniger Fehler, schneller.

B7 Change Management & Phasen nach Lewin

Lernziel: Du kennst das Phasen-Schema nach Lewin und die Definition von «Change Management».

Change Management = die bewusste, professionelle Gestaltung eines Veränderungsprozesses. Es ist immer mit einer Kulturveränderung verbunden und verlangt das Um- oder Neulernen von Regeln.

Phasen-Schema nach Kurt Lewin

1
Auftauen
unfreezing

Veränderungs-Bereitschaft fördern; die Betroffenen von der Notwendigkeit der Umgestaltung überzeugen.

2
Ändern
moving

Die eigentliche Veränderung: Daten sammeln und aufarbeiten, Massnahmen planen und durchführen.

3
Wiedereinfrieren
refreezing

Die neue Lösung stabilisieren, damit man nicht in den alten Zustand zurückfällt – kein starres Festschreiben, sondern Basis für weitere Verbesserungen.

The Change Process – die Leistung sinkt zuerst

Leistung Zeit Ausgangsniveau Alter Zustand Fremdes Element Widerstand Chaos zündende Idee Integration Neuer Zustand
Old Status Quo → Fremdes Element → Widerstand → Chaos → zündende Idee → Integration → New Status Quo. Vor der Verbesserung gibt es einen Leistungseinbruch.
«Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.»

B8 Change Resistance

Lernziel: Du kennst die Definition von «Change Resistance».

Change Resistance = der (natürliche) Widerstand gegen Veränderungen. Organisationen wollen bestehende Stabilität erhalten; das Stören dieses Gleichgewichts löst zwangsläufig eine Gegenreaktion aus.

B9 Die Hauptprozesse im Unternehmen

Lernziel: Du kennst die Führungs-, Kern- und unterstützenden Prozesse in einem Unternehmen.
Führungsprozesse (Managementprozesse) — steuern
StrategieZiele / Ausrichtung / MärkteÜberwachung & Steuerung (Kennzahlen)
Kernprozesse — direkt wertschöpfend
Kunde
CRMCustomer Relationship Mgmt – Kundenbedürfnis → Kundenzufriedenheit
SCMSupply Chain Mgmt – Kundenauftrag → Fakturierung
PLMProduct Life Cycle Mgmt – Produktidee → Produktauslauf
Kunde
Unterstützende Prozesse — liefern Ressourcen
FinanceITInfrastrukturUmweltPersonalSchulung
  1. Führungsprozesse: Strategie, Ziele/Ausrichtung/Märkte, Überwachung & Steuerung mit Kennzahlen aus dem Finanz- und Rechnungswesen – z.B. Liquiditätsgrad, Lagerumschlag, Deckungsbeiträge, Anzahl Aufträge, Anzahl Reklamationen, Cash-Flow.
  2. Kernprozesse (direkt wertschöpfend, Kunde → Kunde):
    • CRM – Customer Relationship Management: Prozess zwischen Kundenbedürfnis und Kundenzufriedenheit (Kundenpflege).
    • SCM – Supply Chain Management: Prozess Kundenauftrag → Fakturierung (Auftragsabwicklung / Lieferketten).
    • PLM – Product Life Cycle Management: Prozess Produktidee → Produktauslauf (Produktlebenszyklus).
  3. Unterstützende Prozesse: Finance, IT, Infrastruktur, Umwelt, Personal, Schulung.
Merke Führungsprozesse steuern, Kernprozesse schaffen direkt Wert (vom Kunden zum Kunden), unterstützende Prozesse liefern die Ressourcen.

Selbsttest

Wenn du jede Frage frei beantworten kannst, hast du alle Lernziele erreicht.

  1. Was regelt die Aufbau-Organisation, und mit welcher Darstellungsform?
  2. Was ist der Unterschied zwischen Linien- und Stabsstelle? Was bedeutet «Kontrollspanne»?
  3. Nenne 4 Gesichtspunkte, nach denen man ein Organigramm gliedern kann – mit je einem Beispiel.
  4. Nenne 3 Dinge, die ein Organigramm nicht zeigt.
  5. Definiere die Ablauf-Organisation und nenne ihr Ziel.
  6. Nenne 3 Unterschiede zwischen Aufbau- und Ablauf-Organisation.
  7. Nenne 4 Gründe, weshalb Prozesse geändert werden müssen.
  8. Stelle eine einfache Leistungskette für ein selbst gewähltes Produkt auf.
  9. Definiere «Prozess» und «Prozess-Orientierung».
  10. Ein IST-Prozess läuft über Papier, Telefon und zwei getrennte Systeme. Was ist das Kernproblem und ein Lösungsansatz?
  11. Nenne und erkläre die 3 Phasen nach Lewin.
  12. Was ist Change Resistance, und was ist das wichtigste Gegenmittel?
  13. Nenne die 3 Arten von Hauptprozessen mit je einem Beispiel.